Nachruf auf Dr. Eugene Braunwald (1929-2026)
Mit Dr. Eugene Braunwald ist am 22. April 2026 eine der prägendsten Persönlichkeiten der Medizin verstorben. Die Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin nimmt Abschied von einem Ehrenmitglied, dessen Lebensweg und Lebenswerk in besonderer Weise mit Österreich und der Entwicklung der modernen Medizin verbunden sind.
Eugene Braunwald wurde am 15. August 1929 in Wien geboren. Seine frühe Kindheit fiel in eine Stadt, die sich als kulturelles und wissenschaftliches Zentrum Europas verstand. Im März 1938, als das nationalsozialistische Deutschland Österreich annektierte, endete Eugene Braunwalds behütete Kindheit in Wien abrupt. Wie so viele jüdische Familien in Wien war auch die Familie Braunwald innerhalb weniger Tage Entrechtung, Enteignung und Verfolgung ausgesetzt. Das Geschäft seines Vaters wurde einem SS-Offizier zur Liquidation übertragen; wenig später wurde sein Vater in der Nacht verhaftet und mit anderen jüdischen Männern aus der Nachbarschaft abtransportiert. Nur dank der außergewöhnlichen Geistesgegenwart seiner Mutter, die dem zuständigen SS-Offizier klarmachte, dass ohne ihren Mann die Verwertung des Unternehmens erschwert würde, wurde er wieder freigelassen. Daraufhin floh die Familie wenig später aus Wien und gelangte über die Schweiz und England 1939 in die Vereinigten Staaten. In New York fand Eugene Braunwald den Weg in die Medizin. Er studierte an der New York University, wo er sein Medizinstudium 1952 als Jahrgangsbester abschloss. Nach seinem Internship am Mount Sinai Hospital in New York begann Braunwald seine frühe wissenschaftliche Laufbahn zunächst als Research Fellow in der Kardiologie am Mount Sinai Hospital und anschließend im Labor des Nobelpreisträgers André Cournand am Bellevue Hospital der Columbia University. Von 1955 bis 1957 war er Clinical Associate an den National Institutes of Health in Bethesda, ehe er seine klinische Ausbildung am Johns Hopkins Hospital vertiefte. 1958 kehrte er an das National Heart Institute der NIH zurück, zunächst als Leiter des Herzkatheterlabors, später als Leiter der Kardiologie. Die "goldenen" NIH-Jahre prägten sein klinisches und wissenschaftliches Werk nachhaltig. Die enge Verzahnung von Klinik und Forschung bot ihm hervorragende Bedingungen für seine Forschung und ermöglichte es ihm, seine klinischen Beobachtungen und pathophysiologischen Überlegungen in einem translationalen Forschungsansatz zu verbinden. 1968 wurde Braunwald Gründungsordinarius des Department of Medicine an der University of California, San Diego. 1972 folgte er dem Ruf an die Harvard Medical School und das Peter Bent Brigham Hospital, das spätere Brigham and Women’s Hospital, wo er als Hersey Professor of the Theory and Practice of Physic und als Physician-in-Chief über Jahrzehnte eine der einflussreichsten medizinischen Abteilungen der Welt mitprägte. Später war er auch in leitenden akademischen Funktionen am Beth Israel Hospital und bei Partners HealthCare tätig.
Eugene Braunwald verstand, wie kaum ein anderer, dass randomisiert-kontrollierte Studien unverzichtbar sind, um verlässliche medizinische Erkenntnisse zu gewinnen. 1984 gründete er am Brigham and Women’s Hospital die TIMI Study Group, die zu einer der profiliertesten akademischen Forschungsgruppen im Bereich der kardiovaskulären Medizin wurde. Die TIMI Study Group wurde zu einem Modell dafür, wie akademisch geleitete klinische Studien therapeutische Hypothesen prüfen und die klinische Praxis nachhaltig verändern können. Damit prägte er entscheidend die Entwicklung der Kardiologie und mit ihr der Inneren Medizin zu Fächern mit einem hohen evidenzbasierten Anspruch.
Von den Anfängen seiner akademischen Laufbahn bis in die letzten Tage seines Lebens blieb Eugene Braunwald wissenschaftlich aktiv und stand an der Speerspitze der kardiovaskulären Forschung. Er gilt als meistzitierter Autor in der Kardiologie und sein wissenschaftliches Werk umspannt nahezu das gesamte Spektrum der kardiovaskulären Medizin. Bereits früh in seiner Laufbahn veröffentlichte Braunwald grundlegende Arbeiten zur Hämodynamik und zum myokardialen Sauerstoffverbrauch. Sein Werk prägte unser Verständnis der Ventrikelfunktion grundlegend, einschließlich der Erstmessung der Druckanstiegsgeschwindigkeit (dP/dT) als Maß für die Kontraktionsgeschwindigkeit des Herzmuskels sowie der Etablierung der linksventrikulären Ejektionsfraktion. Er leistete Pionierarbeit bei der klinischen Erstbeschreibung der hypertrophen Kardiomyopathie, trug wesentlich zur Aufklärung ihrer pathophysiologischen Mechanismen bei und entwickelte erste erfolgreiche Behandlungsstrategien. Ebenso prägten die von ihm und John Ross Jr. publizierten Überlebenskurven bei der Aortenstenose über Jahrzehnte die klinische Praxis, wann ein Eingriff indiziert ist und wann Zuwarten verantwortbar bleibt. Vielleicht am folgenreichsten war jedoch sein Beitrag zum Verständnis des Myokardinfarkts. In einer Zeit, in der der Herzinfarkt als plötzliches und beinahe schicksalhaftes Ereignis galt, erkannte und belegte Braunwald, dass der Myokardinfarkt einem dynamischen modifizierbaren Prozess unterliegt, dessen Ausmaß und Prognose durch frühzeitige Reperfusion sowie gezielte pharmakologische und präventive Therapien entscheidend beeinflusst werden können.
Ebenso groß war sein Einfluss als Lehrer und Mentor. Generationen von Ärzt:innen begegneten Eugene Braunwald zunächst nicht persönlich, sondern in Buchform: als Mitherausgeber von Harrison’s Principles of Internal Medicine und als Begründer von Braunwald’s Heart Disease schuf er die Referenzwerke der modernen Medizin und Kardiologie. Für diejenigen, die ihn persönlich kannten, war er ein inspirierender Lehrer und Mentor. Seine intellektuelle Strenge, sein Scharfsinn und seine unersättliche Neugier waren legendär. Auch sein außergewöhnliches Arbeitsethos entsprang keinem äußeren Pflichtgefühl, sondern einem tiefen inneren Antrieb. Zugleich zeichneten ihn Bescheidenheit, Großzügigkeit und ein unverwechselbarer Humor aus. Mit derselben Leidenschaft, mit der er selbst nach Erkenntnis strebte, förderte er auch die nächste Generation. Er bildete zahlreiche Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen aus; viele von ihnen wurden selbst zu führenden Persönlichkeiten der kardiovaskulären Medizin.
Für die österreichische Medizin hat Braunwald eine besondere Bedeutung. Er wurde aus seiner Geburtsstadt Wien vertrieben und blieb dieser Herkunft dennoch verbunden. Sein Leben erinnert uns daran, wie zerbrechlich wissenschaftliche Kultur ist und wie viel eine Gesellschaft verliert, wenn sie Menschen ausgrenzt, verfolgt oder vertreibt. Zugleich zeigt es, was möglich wird, wenn Menschlichkeit, intellektuelle Begabung und außergewöhnliche Disziplin mit akademischer Freiheit zusammenkommen. Noch bis kurz vor seinem Tod publizierte und lehrte Eugene Braunwald; bis zuletzt beteiligte er sich an den großen Fragen der kardiovaskulären Medizin mit jener intellektuellen Wachheit, die ihn über Jahrzehnte ausgezeichnet hatte. Auch in Wien war diese Verbindung bis zuletzt spürbar: Im Oktober 2024 hielt er an der Medizinischen Universität Wien den Eröffnungsvortrag der "CCVM Grand Rounds" über die Entwicklung der hypertrophen Kardiomyopathie. Im neuen Center for Translational Medicine der Medizinischen Universität Wien wird künftig das "Eugene Braunwald Auditorium" an ihn erinnern, eine Ehrung, über die er sich noch sehr gefreut hatte, deren Eröffnung er nicht mehr erleben konnte.
Mit Dr. Eugene Braunwald verlieren die Innere Medizin und die Kardiologie eine ihrer großen Gestalten, die den Fatalismus aus der Kardiologie vertrieb und ihn durch einen evidenzbasierten Optimismus ersetzte. Die Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin wird ihr Ehrenmitglied in dankbarer Erinnerung behalten. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Kolleg:innen, seinen Schüler:innen sowie der weltweiten medizinischen Gemeinschaft, die von seinem Denken und Handeln nachhaltig geprägt wurde.
Autor: Ap.Prof. Priv.-Doz. DDr. Thomas A. Zelniker, MSc, Universitätsklinik für Innere Medizin II, Klinische Abteilung für Kardiologie, Medizinische Universität Wien.