Tempo oder Treffsicherheit? Zur geplanten Verkürzung der Basisausbildung

Schneller in die Versorgung, weniger Wartezeit auf einen Ausbildungsplatz, weniger Verwaltungsaufwand – die Beweggründe für eine kürzere Basisausbildung klingen nachvollziehbar. Und tatsächlich wird derzeit politisch daran gearbeitet: Die erste Phase der Fachärzt:innenausbildung soll von neun auf sechs Monate reduziert werden, die bisherige Anrechnungsmöglichkeit des klinisch-praktischen Jahres soll entfallen.

Für uns ist das Anlass, eine grundsätzlichere Frage in den Vordergrund zu rücken.

Ein Mann im Anzug erklärt etwas, neben ihm sind viele Logos und Text.

Die richtige Frage zuerst

Bevor über das Wie schnell gesprochen wird, muss geklärt sein, wen Österreichs Gesundheitssystem in den kommenden Jahren überhaupt braucht. Präsident Alexander Rosenkranz bringt es in einem aktuellen Debattenbeitrag auf den Punkt: "Wissen wir überhaupt, welche Fachärzt:innen unser Gesundheitssystem künftig benötigt? Die ehrliche Antwort lautet: Nein."

Diese Einschätzung stützt sich nicht auf ein Bauchgefühl, sondern auf eine von der ÖGIM in Auftrag gegebene und international publizierte Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS). Deren zentrales Ergebnis: „Österreich verfügt derzeit über keine valide Datengrundlage, um den künftigen Bedarf an Allgemeininternist:innen und internistischen Sonderfachärzt:innen evidenzbasiert zu planen." Weder die Gesamtzahl noch die regionale Verteilung der benötigten Fachrichtungen lässt sich damit heute seriös vorhersagen.

Genau deshalb fordern wir in unserem Positionspapier als ersten Schritt den Aufbau einer verlässlichen Datenbasis für die langfristige Bedarfsplanung – bevor an den Stellschrauben der Ausbildungsdauer gedreht wird.

Ein Blick zurück, der zu denken gibt

Verkürzung ist dabei kein neues Thema. Mit der Arzt:innen-Ausbildungsordnung 2015 wurde die Ausbildung in den internistischen Sonderfächern bereits um rund zwei Jahre gekürzt. Die Fachärzt:innenprüfung hat seither zwar die Qualität abgesichert, gleichzeitig hat aber das Arbeitszeitgesetz die tatsächlich verfügbare klinische Ausbildungszeit weiter reduziert. Für unseren Präseidenten ist damit eine Grenze erreicht: "Klinische Kompetenz entsteht nicht allein durch Selbststudium – sie entsteht am Patient:innenbett."

Die überwiegende Mehrheit unserer internistischen Kolleg:innen spricht sich daher nicht für eine weitere Verkürzung aus, sondern für das Gegenteil: eine Integration der Basisausbildung in die Grundausbildung der Sonderfächer, sodass diese wieder 36 statt der aktuell 27 Monate umfasst.

Die Zahlen dahinter: das ÖGIM-Positionspapier

Dass wir bei diesem Thema so klar Position beziehen, kommt nicht von ungefähr. Grundlage ist die gemeinsam mit dem Institut für Höhere Studien (IHS) durchgeführte GAP-Analyse, deren Ergebnisse wir gemeinsam mit dem Berufsverband Österreichischer Internisten (BÖI) und allen internistischen Sonderfachgesellschaften in unserem Positionspapier "Wege einer umfassenden Patient:innenversorgung" zusammengefasst haben.

Die zentrale Zahl darin: Bis 2035 könnte jede dritte Stelle für Kassen-Internist:innen unbesetzt bleiben. In absoluten Zahlen fehlen demnach mindestens 116, im ungünstigsten Fall 438 Internist:innen. Bemerkenswert dabei: Es geht nicht um einen generellen Ärzt:innenmangel, sondern um eine Fehlverteilung – zwischen Fachgebieten ebenso wie zwischen Bundesländern.

Aus dieser Analyse leiten wir in unserem Positionspapier konkrete Forderungen ab, die deutlich über die Ausbildungsfrage hinausgehen:

  • eine solide, harmonisierte Datenbasis für die Versorgungsplanung,
  • eine langfristige, bundesweite Bedarfsplanung,
  • eine gezielte Stärkung der Versorgung im niedergelassenen Bereich zur Entlastung der Notaufnahmen,
  • die verbindliche Einbindung der ÖGIM in relevante Entscheidungs- und Planungsprozesse,
  • eine Ausbildungsreform, die zwischen stationärer und niedergelassener Tätigkeit differenziert,
  • sowie einen einheitlichen, qualitätsgesicherten Leistungskatalog.

Genau in diesem größeren Rahmen ist auch die aktuelle Debatte um die Basisausbildung zu lesen: als ein Baustein unter vielen, der ohne die anderen – allen voran die Datenbasis – wenig bewirken kann. Wie es im Fazit unseres Positionspapiers heißt: Der Engpass ist absehbar, die Folgen sind real, aber das Problem ist lösbar – noch.

Reformen ja – aber mit Evidenz

Niemand stellt infrage, dass Ausbildungswege modernisiert und Wartezeiten verkürzt werden müssen. Die Frage ist, in welcher Reihenfolge das geschieht. Eine schnellere Basisausbildung ohne Antwort darauf, welche Fachärzt:innen künftig gebraucht werden, riskiert, dass Kapazitäten dort aufgebaut werden, wo sie später nicht gebraucht werden – und dort fehlen, wo der Bedarf tatsächlich steigt.

Wir werden als Vertretung der österreichischen Internist:innen diesen Punkt weiter in die gesundheitspolitische Diskussion einbringen. Denn eine zukunftsfeste Innere Medizin entsteht nicht durch Tempo allein, sondern durch Reformen, die auf belastbaren Daten stehen.